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    Januar 30th, 2013jeanAllgemein

    Preislied auf eine Platte, die mir seit 30 Jahren nicht mehr aus dem Kopf geht

     

    Vorbemerkung: Dieser Artikel erschien im Frühjar 2000 zuerst in dem von Rolf Brück herausgegebenen Magazin „Der elektrische Helm“. Damals kannte ich die genaue Produktionsgeschichte dieser LP noch nicht. Ein Techniker hatte 1978 der Band in Abidjan nachts ein Radiostudio aufgeschlossen und in 2 Stunden – mehr Zeit war nicht – wurde das komplette Album (5 Stücke) aufgenommen.
    Eine (alternative) Liverversion (z.T. andere Musiker als die unten genannten) des Stücks findet man auf Youtube: http://youtu.be/T-4nyr5GbwQ

    Seit etwa zwanzig Jahren begleitet mich eine 1979 in Côte d’Ivoire erschienene Platte wie ein treuer Freund. Eine Produktion, die mir in jeder Stimmung etwas zu sagen hat. Ein Album, das auf den Zenit des afrikanischen wie internationalen Pop gehört: “Mandjou”, eine Produktion eines Sängers aus Mali, Salif Keita, und seiner (damaligen) Band “Les Ambassadeurs Internationaux”. Kein Stück Musik habe ich sooft gehört wie dieses, und diese Begeisterung möchte ich mit euch teilen.

    Auf ein swingendes Orgel-Intro folgt eine Gitarrenlinie, die an die Melodieführung der Kora, dem klassischen Begleitinstrument der Jali (professionelle Musiker des westafrikanischen Mandinka-Volkes, uns auch als “Griot” bekannt), erinnert. Ein Hieb blecherner Bläser – und schon fasziniert uns eine Stimme, deren Ausdrucks­kraft sofort gefangen nimmt. Der Tag steht still auf dem Marktplatz, irgendwo aus dem Gewirr der Stimmen löst sich eine Gitarre, es könnte auch eine elektrisch ver­stärkte und völlig übersteuerte Kora sein, eine Trompete gesellt sich hinzu, der Sänger verliert sich in ungeahnter Stimmhöhe. Man versteht kein Wort und doch trifft es einen wie ein elektrischer Schock, eiskalte Schauer jagen den Rücken hinunter… Wenn dann das Balaphon eine rhythmische Struktur vorzeichnet, die von der Hammondorgel als Melodie aufgenommen wird, sind wir an einem jener Punkte angelangt, der uns zeigt, wie produktiv Tradition und Moderne in der Popmusik Afrikas aufeinandertreffen können.

    Salif Keita entstammt einer jener legendären Familien, deren Geschichte noch heute von den Jali besungen wird. Sein Vorfahre Soundiata Keita war im Jahr 1200 Gründer des Mali-Reiches, das Teile des heutigen Mali, Senegal, Gambia, Burkina Faso, Niger, Guinea-Bissau, Guinee-Conakry und der Cote d’Ivoire umfasste. Nun ist es in Westafrika so, dass ein Mitglied eines Herrscher-Geschlechts niemals singen darf – für diese “niedere” Tätigkeit gibt es ja schließlich die Jali. Und doch, Salif Keita, der eigentlich Lehrer werden sollte, brach mit allen Familientraditionen und wurde Musiker. In seiner Familie führte er sowieso schon das Leben eines Außenseiters – er war als Albino geboren worden. Salif Keita: “Die Tradition bei den Dogon, Bambara variiert, was den Umgang mit Albinos angeht. Einige Bambara-Fetische funktionieren nur, wenn sie mit dem Blut eines Albinos begossen wurden. Das allgemeine Gefühl gegenüber Albinos ist aber eher ein Gefühl der Abscheu. In Frankreich berührt man z.B. den Buckel eines Buckligen. Das ist auch Exorzismus. In Afrika reicht es aber nicht aus, einen Albino zu berühren, man muss ihn opfern. Albino zu sein ist jedoch nicht unbedingt ein Hindernis auf dem Weg zum Ruhm: siehe nur, Sekou Touré war auch ein Albino – zu schwarz mit roten Augen.”

    Da Salif Keita das medizinische Eingangsexamen (zu schlechte Augen) zur Lehrerausbildungsanstalt nicht bestand, begann er zu trinken und seine Tourneen durch die Kaschemmen Bamakos mit Liedern und Gitarrenspiel zu finanzieren. Und das Musikmachen befreite ihn von seinem Stigma. Jetzt wurde er als Musiker angesehen, was erst einmal dazu führte, dass sein Vater sechs Jahre lang nicht mehr mit ihm sprach. Doch Salif Keita startete durch. Sein Name wanderte aus Trinkerkreisen in die Musikszene der Hauptstadt.

    Im Jahr 1970 gründete die Eisenbahngesellschaft Malis (Societé National du Chemin de Fer Malien) das “Orchestre Rail-Band de Bamako”, welches die Aufgabe hatte, den Reisenden das Warten zu verkürzen. Die erste Platte dieser in Eisenbahner-Uniform auftretenden Musiker wurde übrigens im Auftrag des Informations-Ministeriums 1970 von Deutschen (!) aufgenommen. Der Bandleader wurde auf Salif Keita aufmerksam, bestellte ihn zum Vorsingen und so wurde der Grundstein einer außerordentlichen Karriere gelegt.

    In Bamako gab es zu dieser Zeit noch ein Orchester, das die Gäste des Motel-Nachtclubs unterhielt: “Les Ambassadeurs du Motel de Bamako”. Wie wir sehen, wurde, wer mobil war, mit ausgezeichneten Tanzbands belohnt. Die Ambassadeurs hatten mit Kante Manfila einen hervorragenden Gitarristen, und so taten sich Kante Manfila und der Sänger der Rail-Band zusammen, um gemeinsam die “Ambassadeurs Internationaux” aus der Taufe zu heben. Ihr unbestreitbares Können machte die Band schlagartig in ganz Westafrika bekannt. Eine Popularität, an der vor allem Salif Keitas unverwechselbarer Gesang besonderen Anteil hat, denn im islamischen Westafrika steht der Vokalist im Zentrum der Verehrung.

    Er fand bald einen Gönner in der Person des guineischen Präsidenten Sekou Touré, dessen Kulturpolitik wegweisend für ganz Afrika war und die wenigen positiven Akzente seines Regnums setzte. So bekamen die Musiker Diplomatenpässe, mit denen sie einfacher reisen konnten. Schließlich verlieh Touré Salif eine der höchsten Staatsauszeichnungen, den “Officier de L’Ordre National de Guinée” und schenkte ihm eine goldene Armbanduhr, ein symbolträchtiges Geschenk – erinnert es doch an die Gaben alter Herrscher an ihre Jali(-Berater). Salif Keita bedankte sich prompt in der Tradition der Jaliya mit eben jenem Lied “Mandjou” (Mandjou ist ein Herrschertitel), einem Preislied, das jedem sensiblen Melomanen – auch wenn er kein Mandinka versteht – unter die Haut geht. Dort reiht Salif Keita Sekou Touré und seine Familie in die Folge der unsterblichen Herrscher des Mali-Reiches ein und bedankt sich bei ihm und dem Volk Guineas für die erwiesene Ehre.

    Diese packende, wie zerissene Kopfstimme, deren Dynamik auf der Platte leider nicht in Gänze rüberkommt (Übersteuerungen!), und seine jazzig swingende Band mit herrlichen Trompetensoli schufen ein Pop-Juwel, aus dem die Einsamkeit des Albinos herausklingt. “Jali mit blauem Blut, singe uns noch lange deinen Blues!” ist man gewillt auszuru­fen. Leider bleibt die Schönheit dieser Platte für die einsame Insel in all seinen späteren Produktionen unerreicht.

    LP-Titel: Mandjou
    Label: Badmos (BLP 5040), 1979

    Die Stücke

    A/1 Mandjou
    A/2 Kandja
    B/1 4V
    B/2 N’toman
    B/3 Balla

    Die Besetzung (von der LP notiert):

    Ambassadeur International
    Kante Manfila: Bandleader, Sologitarre
    Cissoko Moussa: Tenor- & Altsaxophon
    Traore Kabine (Tagus): Trompete
    Salif Keita: Gesang
    Ousmane Dia: Gesang
    Nouhoun Keita: Schlagzeug

    Et leurs amis
    Ousmane Kouyate: Rhythmusgitarre
    Sekou Diabate: Bass
    Kaba Kante: Balafon
    Smith: Orgel

    Salif Keita et Les Ambassadeurs Internationaux: Mandjou (LP Badmos)

    Orchestre Rail Band de Bamako (LP Bärenreiter)

    Glossar 

    Kora: 21-saitige Stegharfe, wird mit den Daumen und Zeigefingern beider Hände gezupft. Der Korpus besteht aus einer Kalebasse, die mit einem Kuhfell bespannt ist, der Steg aus Hartholz war früher mir Darmsaiten bespannt, heute nimmt man Nylonschnüre. Die Kora wird exklusiv von den Jali des Mandinka-Volkes gespielt und begleitet epische Gesänge, Preislieder und seit einigen Jahren auch Tanzmusik.

    Jali: Begriff aus der Sprache der Mandinka, uns bekannter als das portugiesische Lehnwort “Griot” von “criado” = Diener. Die Jali sind in Westafrika eine soziale Institution. Als Kaste können sie keine neuen Mitglieder aufnehmen. Dem Jali ist es exklusiv vorbehalten, im traditionellen Kontext Musik zu machen. Die Tradition der Jaliya (Berufsausübung des Jali) wird nur vom Vater/Mutter auf Sohn/Tochter weitergegeben. Einem schriftlosen Volk sind die Jali verantwortlich, Geschichte in epischer Form aufzubewahren. Früher waren die Jali an Fürsten- und Königshöfen begehrte Berater und Entertainer. Noch heute nehmen sie diese Stellung ein: sie vermitteln z.B. Hochzeiten, schlichten Streit, interpretieren und verbreiten die Aussagen der Dorfältesten und spielen bei allen wichtigen Ereignissen des sozialen Lebens auf: Geburt, Initiation, Tod. Mit zunehmender Veränderung der soziokulturellen Strukturen sieht sich der Jali immer mehr in die Rolle eines Unterhalters gedrängt, mit Preisliedern auf zahlungskräftige Gönner und Politiker sichert er sein materielles Überleben. Radio und Fernsehen nehmen ihm immer mehr von der Funktion des Nachrichten-Übermittlers.

    Balaphon: Balo in Mandinka, Xylophon aus tropischen Harthölzern. Unter jedem Klangstab hängt ein genau auf den Ton abgestimmter Resonanz-körper aus einer Kalebasse, die mit Zigarettenpapier überklebt ist. Diese Konstruktion verfremdet den Klang, zum vollen Ton gesellt sich ein Näseln. Das Balo ist neben der Kora das wichtigste Begleitinstrument der Jali.

    Bambara: in Mali ansäßiger Stamm des Mandinka-Volkes

    Sekou Touré: von 1968 bis 1984 autokratischer wie autoritärer Präsident der Republique de Guinée (Conakry). Unterstützte die nationale Musikkultur, ließ zahllose kleine traditionelle Ensembles und Popbands gründen.

     

    © Jean Trouillet, 2000

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