WeltBeat

MusicLover – die Internationale des guten Musikgeschmacks
  • scissors
    Dezember 17th, 2013jeanAllgemein

    Please scroll to access the English version

     

     

    Nach Jahrzehnten intensivster Beschäftigung mit Musik passiert es nicht mehr so oft, dass ich von einer Platte derart gefesselt werde, dass ich sie immer wieder hören muss, um das tief in ihr liegende Geheimnis zu entschlüsseln. Auf einer Nachtfahrt nach Roskilde hörte ich Lektion III von Den Sorte Skole und erlebte zwei Tage später die Aufführung von Lektion III gemeinsam mit 30.000 anderen.

    Lektion III ist eine Komposition aus tausenden von Schnipseln generiert von über 250 Vinylplatten, die allesamt vor der Geburt der Masterminds von Den Sorte Skole, Simon Dokkedal und Martin Hojland, aufgenommen wurden. Diese Samples sind auf das treffendste wieder zusammen montiert, geschichtet worden und ergeben ein neues Ganzes. Simon Dokkedal und Martin Hojland sind die Dirigenten, die uns auch im Konzert daran teilhaben lassen, wie sie die Geister aus Maschinen, Samplern und Plattenspielern wieder freilassen.

    Lektion III ist die aktuelle Erzählung eines „Global Village“, eine musikalische Reise durch Zeit und Raum, die erst durch neueste Technologie möglich wurde. Für mich steht das Album auf einer Stufe mit dem Epoche machenden Werk Brian Enos und David Byrnes „My Life in a Bush of Ghosts“.

    Lektion III kann man kostenlos herunterladen: densorteskole.net/
    oder im Stream hören: soundcloud.com/densorteskole/den-sorte-skole-lektion-iii

    Am besten, man nimmt sich 90 Minuten Zeit, um der Erzählung von Simon und Martin zu folgen und sich ganz ihrer Magie hinzugeben. Im nächsten Schritt kann einem das umfangreiche Booklet (im Download enthalten) die Philosophie hinter dieser Platte und jeden einzelnen Song genau erklären.

    Einen kleinen Eindruck, wie das live aussieht, kann man hier bekommen: densorteskole.net/live/

    Für Visualisierung durch Projektionen sind Dark Matters zuständig, das avancierteste VJ-Produktionsteam Dänemarks. Hier die Seite, auf der Dark Matters ihre Darstellung, die keiner Charaktere bedarf und Platz für eigene Bilder lassen soll, erklären: darkmatters.dk/Den-Sorte-Skole

    Fasten your seatbelts and get on a magic carpet ride

     After decades of intense interest in music, it happens not so often, that I’m so captivated by a record that I need to hear it again and again, to decrypt its secret deep inside. On a night ride to Roskilde, I heard Lektion III from Danish turntabalists Den Sorte Skole and witnessed the performance of Lektion III in the presence of 30,000 people two days later.

    Lektion III is a composition made out of thousands of bits and pieces generated from over 250 vinyl albums, all of them recorded before the birth of the of Den Sorte Skole’s masterminds Simon Dokkedal and Martin Hojland. These thousands of samples are mounted and layered in the most accurate way and make a new whole. Simon Dokkedal and Martin Hojland are the conductors, which in their concerts let us take part when they release the spirits from machines, samplers and turntables.

    Lektion III is the current narrative of the “global village”, a musical journey through time and space, which was only made possible by advanced technology. For me, the album is on par with the epoch-making work of Brian Eno and David Byrne “My Life in a Bush of Ghosts”.

    Lektion III can be downloaded for free: densorteskole.net/
    or you can listen here: soundcloud.com/densorteskole/den-sorte-skole-lektion-iii

    Best one takes 90 minutes to follow the narrative of Simon and Martin and indulge all their magic. In the next step, the extensive booklet (contained in download folder) explains you the philosophy behind this record and in detail about each individual song.

    You can get a small impression on how this looks like live here: densorteskole.net/live/

    Top Danish VJ production team Dark Matters are responsible for the visualization. Here’s the site that explains their story, that don’t requires any characters to leave space for our own pictures: darkmatters.dk/den-Sorte-Skole

    Fasten your seatbelts and get on a magic carpet ride

     

  • scissors
    Januar 30th, 2013jeanAllgemein

    Preislied auf eine Platte, die mir seit 30 Jahren nicht mehr aus dem Kopf geht

     

    Vorbemerkung: Dieser Artikel erschien im Frühjar 2000 zuerst in dem von Rolf Brück herausgegebenen Magazin „Der elektrische Helm“. Damals kannte ich die genaue Produktionsgeschichte dieser LP noch nicht. Ein Techniker hatte 1978 der Band in Abidjan nachts ein Radiostudio aufgeschlossen und in 2 Stunden – mehr Zeit war nicht – wurde das komplette Album (5 Stücke) aufgenommen.
    Eine (alternative) Liverversion (z.T. andere Musiker als die unten genannten) des Stücks findet man auf Youtube: http://youtu.be/T-4nyr5GbwQ

    Seit etwa zwanzig Jahren begleitet mich eine 1979 in Côte d’Ivoire erschienene Platte wie ein treuer Freund. Eine Produktion, die mir in jeder Stimmung etwas zu sagen hat. Ein Album, das auf den Zenit des afrikanischen wie internationalen Pop gehört: “Mandjou”, eine Produktion eines Sängers aus Mali, Salif Keita, und seiner (damaligen) Band “Les Ambassadeurs Internationaux”. Kein Stück Musik habe ich sooft gehört wie dieses, und diese Begeisterung möchte ich mit euch teilen.

    Auf ein swingendes Orgel-Intro folgt eine Gitarrenlinie, die an die Melodieführung der Kora, dem klassischen Begleitinstrument der Jali (professionelle Musiker des westafrikanischen Mandinka-Volkes, uns auch als “Griot” bekannt), erinnert. Ein Hieb blecherner Bläser – und schon fasziniert uns eine Stimme, deren Ausdrucks­kraft sofort gefangen nimmt. Der Tag steht still auf dem Marktplatz, irgendwo aus dem Gewirr der Stimmen löst sich eine Gitarre, es könnte auch eine elektrisch ver­stärkte und völlig übersteuerte Kora sein, eine Trompete gesellt sich hinzu, der Sänger verliert sich in ungeahnter Stimmhöhe. Man versteht kein Wort und doch trifft es einen wie ein elektrischer Schock, eiskalte Schauer jagen den Rücken hinunter… Wenn dann das Balaphon eine rhythmische Struktur vorzeichnet, die von der Hammondorgel als Melodie aufgenommen wird, sind wir an einem jener Punkte angelangt, der uns zeigt, wie produktiv Tradition und Moderne in der Popmusik Afrikas aufeinandertreffen können.

    Salif Keita entstammt einer jener legendären Familien, deren Geschichte noch heute von den Jali besungen wird. Sein Vorfahre Soundiata Keita war im Jahr 1200 Gründer des Mali-Reiches, das Teile des heutigen Mali, Senegal, Gambia, Burkina Faso, Niger, Guinea-Bissau, Guinee-Conakry und der Cote d’Ivoire umfasste. Nun ist es in Westafrika so, dass ein Mitglied eines Herrscher-Geschlechts niemals singen darf – für diese “niedere” Tätigkeit gibt es ja schließlich die Jali. Und doch, Salif Keita, der eigentlich Lehrer werden sollte, brach mit allen Familientraditionen und wurde Musiker. In seiner Familie führte er sowieso schon das Leben eines Außenseiters – er war als Albino geboren worden. Salif Keita: “Die Tradition bei den Dogon, Bambara variiert, was den Umgang mit Albinos angeht. Einige Bambara-Fetische funktionieren nur, wenn sie mit dem Blut eines Albinos begossen wurden. Das allgemeine Gefühl gegenüber Albinos ist aber eher ein Gefühl der Abscheu. In Frankreich berührt man z.B. den Buckel eines Buckligen. Das ist auch Exorzismus. In Afrika reicht es aber nicht aus, einen Albino zu berühren, man muss ihn opfern. Albino zu sein ist jedoch nicht unbedingt ein Hindernis auf dem Weg zum Ruhm: siehe nur, Sekou Touré war auch ein Albino – zu schwarz mit roten Augen.”

    Da Salif Keita das medizinische Eingangsexamen (zu schlechte Augen) zur Lehrerausbildungsanstalt nicht bestand, begann er zu trinken und seine Tourneen durch die Kaschemmen Bamakos mit Liedern und Gitarrenspiel zu finanzieren. Und das Musikmachen befreite ihn von seinem Stigma. Jetzt wurde er als Musiker angesehen, was erst einmal dazu führte, dass sein Vater sechs Jahre lang nicht mehr mit ihm sprach. Doch Salif Keita startete durch. Sein Name wanderte aus Trinkerkreisen in die Musikszene der Hauptstadt.

    Im Jahr 1970 gründete die Eisenbahngesellschaft Malis (Societé National du Chemin de Fer Malien) das “Orchestre Rail-Band de Bamako”, welches die Aufgabe hatte, den Reisenden das Warten zu verkürzen. Die erste Platte dieser in Eisenbahner-Uniform auftretenden Musiker wurde übrigens im Auftrag des Informations-Ministeriums 1970 von Deutschen (!) aufgenommen. Der Bandleader wurde auf Salif Keita aufmerksam, bestellte ihn zum Vorsingen und so wurde der Grundstein einer außerordentlichen Karriere gelegt.

    In Bamako gab es zu dieser Zeit noch ein Orchester, das die Gäste des Motel-Nachtclubs unterhielt: “Les Ambassadeurs du Motel de Bamako”. Wie wir sehen, wurde, wer mobil war, mit ausgezeichneten Tanzbands belohnt. Die Ambassadeurs hatten mit Kante Manfila einen hervorragenden Gitarristen, und so taten sich Kante Manfila und der Sänger der Rail-Band zusammen, um gemeinsam die “Ambassadeurs Internationaux” aus der Taufe zu heben. Ihr unbestreitbares Können machte die Band schlagartig in ganz Westafrika bekannt. Eine Popularität, an der vor allem Salif Keitas unverwechselbarer Gesang besonderen Anteil hat, denn im islamischen Westafrika steht der Vokalist im Zentrum der Verehrung.

    Er fand bald einen Gönner in der Person des guineischen Präsidenten Sekou Touré, dessen Kulturpolitik wegweisend für ganz Afrika war und die wenigen positiven Akzente seines Regnums setzte. So bekamen die Musiker Diplomatenpässe, mit denen sie einfacher reisen konnten. Schließlich verlieh Touré Salif eine der höchsten Staatsauszeichnungen, den “Officier de L’Ordre National de Guinée” und schenkte ihm eine goldene Armbanduhr, ein symbolträchtiges Geschenk – erinnert es doch an die Gaben alter Herrscher an ihre Jali(-Berater). Salif Keita bedankte sich prompt in der Tradition der Jaliya mit eben jenem Lied “Mandjou” (Mandjou ist ein Herrschertitel), einem Preislied, das jedem sensiblen Melomanen – auch wenn er kein Mandinka versteht – unter die Haut geht. Dort reiht Salif Keita Sekou Touré und seine Familie in die Folge der unsterblichen Herrscher des Mali-Reiches ein und bedankt sich bei ihm und dem Volk Guineas für die erwiesene Ehre.

    Diese packende, wie zerissene Kopfstimme, deren Dynamik auf der Platte leider nicht in Gänze rüberkommt (Übersteuerungen!), und seine jazzig swingende Band mit herrlichen Trompetensoli schufen ein Pop-Juwel, aus dem die Einsamkeit des Albinos herausklingt. “Jali mit blauem Blut, singe uns noch lange deinen Blues!” ist man gewillt auszuru­fen. Leider bleibt die Schönheit dieser Platte für die einsame Insel in all seinen späteren Produktionen unerreicht.

    LP-Titel: Mandjou
    Label: Badmos (BLP 5040), 1979

    Die Stücke

    A/1 Mandjou
    A/2 Kandja
    B/1 4V
    B/2 N’toman
    B/3 Balla

    Die Besetzung (von der LP notiert):

    Ambassadeur International
    Kante Manfila: Bandleader, Sologitarre
    Cissoko Moussa: Tenor- & Altsaxophon
    Traore Kabine (Tagus): Trompete
    Salif Keita: Gesang
    Ousmane Dia: Gesang
    Nouhoun Keita: Schlagzeug

    Et leurs amis
    Ousmane Kouyate: Rhythmusgitarre
    Sekou Diabate: Bass
    Kaba Kante: Balafon
    Smith: Orgel

    Salif Keita et Les Ambassadeurs Internationaux: Mandjou (LP Badmos)

    Orchestre Rail Band de Bamako (LP Bärenreiter)

    Glossar 

    Kora: 21-saitige Stegharfe, wird mit den Daumen und Zeigefingern beider Hände gezupft. Der Korpus besteht aus einer Kalebasse, die mit einem Kuhfell bespannt ist, der Steg aus Hartholz war früher mir Darmsaiten bespannt, heute nimmt man Nylonschnüre. Die Kora wird exklusiv von den Jali des Mandinka-Volkes gespielt und begleitet epische Gesänge, Preislieder und seit einigen Jahren auch Tanzmusik.

    Jali: Begriff aus der Sprache der Mandinka, uns bekannter als das portugiesische Lehnwort “Griot” von “criado” = Diener. Die Jali sind in Westafrika eine soziale Institution. Als Kaste können sie keine neuen Mitglieder aufnehmen. Dem Jali ist es exklusiv vorbehalten, im traditionellen Kontext Musik zu machen. Die Tradition der Jaliya (Berufsausübung des Jali) wird nur vom Vater/Mutter auf Sohn/Tochter weitergegeben. Einem schriftlosen Volk sind die Jali verantwortlich, Geschichte in epischer Form aufzubewahren. Früher waren die Jali an Fürsten- und Königshöfen begehrte Berater und Entertainer. Noch heute nehmen sie diese Stellung ein: sie vermitteln z.B. Hochzeiten, schlichten Streit, interpretieren und verbreiten die Aussagen der Dorfältesten und spielen bei allen wichtigen Ereignissen des sozialen Lebens auf: Geburt, Initiation, Tod. Mit zunehmender Veränderung der soziokulturellen Strukturen sieht sich der Jali immer mehr in die Rolle eines Unterhalters gedrängt, mit Preisliedern auf zahlungskräftige Gönner und Politiker sichert er sein materielles Überleben. Radio und Fernsehen nehmen ihm immer mehr von der Funktion des Nachrichten-Übermittlers.

    Balaphon: Balo in Mandinka, Xylophon aus tropischen Harthölzern. Unter jedem Klangstab hängt ein genau auf den Ton abgestimmter Resonanz-körper aus einer Kalebasse, die mit Zigarettenpapier überklebt ist. Diese Konstruktion verfremdet den Klang, zum vollen Ton gesellt sich ein Näseln. Das Balo ist neben der Kora das wichtigste Begleitinstrument der Jali.

    Bambara: in Mali ansäßiger Stamm des Mandinka-Volkes

    Sekou Touré: von 1968 bis 1984 autokratischer wie autoritärer Präsident der Republique de Guinée (Conakry). Unterstützte die nationale Musikkultur, ließ zahllose kleine traditionelle Ensembles und Popbands gründen.

     

    © Jean Trouillet, 2000

    Tags: ,
  • scissors
    Juli 11th, 2012jeanAllgemein

    Liebe MusicLover,

    alle, die im Juli und August in Frankfurt bleiben, können sich auf zwei Konzertreihen freuen, die jeweils an sehr stimmigen Plätzen stattfinden und neben dem Musikgenuss auch zum Picknick einladen:

    Jazz im Museum
    Weltmusik im Palmengarten

    Jazz erklingt am Sonntagmorgen ab 11 Uhr im Garten des Museums für Angewandte Kunst, Weltmusik Dienstags ab 19 Uhr 30 im Palmengarten. Ich habe euch zu den Terminen den direkten Link zum jeweiligen Konzert gestellt:

    Jazz im Park des Museums für Angewandte Kunst
    Sonntags 11.00 Uhr / Kasse ab 10.00 Uhr
    Eintritt: VVK € 10,90 / TK € 12,- / inkl. Gebühren
    Das Ticket berechtigt zum Besuch des Museums für Angewandte Kunst.
    Freier Eintritt für Kinder bis 12 Jahre


    So 05.08. Lisbeth quartett D
    www.mousonturm.de/programm/#lisbeth-quartett
    So 12.08. Brandt Brauer Frick Ensemble
    www.mousonturm.de/programm/#brandt-brauer-frick-ensemble
    So 19.08. Empirical UK
    www.mousonturm.de/programm/#empirical

     

    Weltmusik im Palmengarten
    Dienstags 19.30 / Einlass ab 18.30
    Palmengarten – Musikpavillon
    Eintritt: VVK € 14,20 / AK € 16,- / inkl. Gebühren

     

    Di 07.08. BaBa Zula TR (Foto)
    http://www.mousonturm.de/programm/
    Di 14.08. Hamilton de Holanda & Edmar Castaneda BR/CO
    www.mousonturm.de/programm/#hamilton-de-holanda-edmar-castaneda
    Di 21.08. Hot Water ZA
    www.mousonturm.de/programm/#hot-water

     

    Lang lebe “Summer in the City”
    Wir sehen uns

    Jean

     

  • scissors
    Mai 6th, 2012jeanAllgemein

    Am 13.5. dürfen sich alle Freunde des MUSIKALISCHEN WOHNZIMMERS freuen, denn es kommt zu einem Wiedersehen – zwar nicht im Museum der Weltkulturen, dafür aber mit einer Band, die wir ganz am Anfang der Konzertreihe präsentiert haben. Dirk von Manteuffel und ich haben im letzten Jahr das Vintage Soundsystem aus der Taufe gehoben und im Rahmen der Reihe xqm zwei Abende an ungewöhnlichen Orten präsentiert: eine Hommage an den Rembetiko und eine weitere an den Swing und die von den Nazis verfolgte Swingjugend. Auf Einladung von Kostas Tsapakidis gestalten wir einen Abend in der Fabrik in Sachsenhausen, in der man übrigens sehr gut griechisch essen kann:

    Vintage Soundsystem präsentiert
    Frei wie ein Vogel
    Manges tanzen Zeybekiko
    Ein Abend für den Rembetiko
    Mit Essen & Trinken
    Film
    einer Ausstellung
    und Livemusik von Rebet Attack
    13.5.12 / Essen ab 19 Uhr (Tische können über mich gebucht werden)
    Die Fabrik
    Mittlerer Hasenpfad 1-5, Frankfurt
    Anfahrt: www.die-fabrik-frankfurt.de/service/index.php?cid=3
    Eintritt für alle MusicLover frei

     

    Rembetiko

    Ein Zeitsprung: Die Nargile (Wasserpfeife) raucht, ein flinker Kellner bringt immer wieder heißen Tee oder Kaffee, auf einer niedrigen Bühne sitzen in einer Reihe ernst aussehende Männer in dunklen Anzügen. Ihre Instrumente fest gegen den Körper gepresst, singen sie traurig klingende Lieder. Ein Zuhörer steht auf und beginnt langsam zu tanzen. Wir befinden uns in einer schummrigen Hafenkaschemme von Piräus. Heute ist alles anders, Haschisch ist verboten; der Rembetiko war es auch (unter den verschiedenen Diktaturen). Doch er ist nicht vergessen, sondern unsterblich gemacht worden – in Plattenaufnahmen, den Namen seiner großen Interpreten und einem Film. Rembetiko war in den dreißiger Jahren die städtische Volksmusik.

    In Piräus siedelten in den zwanziger Jahren zehntausende von Griechen, die als Opfer des Griechisch-Türkischen Krieges die Türkei verlassen mussten. Hier entwickelten sie u.a. aus der Caféhausmusik Smyrnas (heute Izmir) einen neuen, rauen Stil. In Kaschemmen und Teehäusern wurde dieser von kleineren Ensembles und größeren Orchestern vor einem Publikum aufgeführt, das sich seine Inspiration für extravagante Tänze aus einer mit Haschisch gefüllten Wasserpfeife holte. Re(m)betiko, eine Verschmelzung von Orient und Okzident, lässt sich noch am ehesten mit Tango oder Fado vergleichen, denn er entstand ebenso wie diese in einer spezifischen Subkultur. Die alten Lieder handeln vom Alltag des Manges, dem Haschisch-Genuss, dem Spiel, Tod und dem unausweichlichen Knastaufenthalt. Später kamen noch Lieder über den Widerstand gegen die Nazi-Barbaren und vom Schwarzmarkt hinzu. Manches Rembetiko-Lied erinnert in seiner Struktur an Blues. Ein anderes baut auf alter byzantinischer Musik auf. Der ekstatische Tsifteteli (Bauchtanz-Rhythmus) wird ebenso gespielt wie schwermütige Balladen.

     

    Tags:
  • « Older Entries